Donnerstag, 1. September 2011

Selbstversuch Biokiste - Auftakt

Tiefkühlpizza und Lieferservice gehören zu den besten Erfindungen der Neuzeit. Studenten, Singles und Kochamateure würden ja sonst verhungern. Mittlerweile gehöre ich aber zu keiner dieser Gruppen mehr: Ich wohne in einer Dreier-WG, aber hauptsächlich mit meinem Freund zusammen. Er kocht leidenschaftlich gern und genießt das Werkeln in der Küche. Eine TK-Pizza darf zwar ab und zu sein, Glutamat wollen wir trotzdem nicht täglich genießen. Beide haben wir einen 8 bis 10 Stunden Job, kommen abends selten vor halb 8 nach Hause. Dann die Frage: Wollen wir noch was kochen? Jetzt noch einkaufen? Na gut, aber was? Welches Gemüse? Wer besorgt was? Ein Biomarkt liegt nicht auf dem Weg, hat um die Uhrzeit meist schon zu. Beim Aldi gibt‘s aus biologischer Landwirtschaft nur Bananen und Zucchini und dann meist aus Spanien oder Timbuktu. Totaler Murks. Da ist Bio dann auch egal, bei der CO2-Menge. Mein anderes Problem an der Gemüsetheke: Ich würde ja gern saisonal einkaufen, habe aber den Kalender leider nicht im Kopf. Nach Ehec-Gurken, Gammelfleisch und diversen Dokumentationen im Fernsehen möchte ich außerdem wissen, woher mein Essen kommt. Und dass es Gurke und Huhn auf meinem Teller davor gut ging. Täglich fahre ich an lauter Bauernhöfen vorbei. „Die bauen ja auch was an, warum landet das denn nicht auf meinem Teller“, frage ich mich dann. Mein Salat muss keinen Lastwagen von innen kennen und mein Fleisch darf gern doppelt so viel kosten, wenn ich weiß, dass die Kuh mit einem Lächeln gestorben ist. So wünsche ich mir das jedenfalls. Kurzum: Eine Alternative musste her.

Bei Nachbarn hatte ich mal gesehen, wie eine Kiste voller Gemüse geliefert wurde, statt Pizza sozusagen. Dass es so viele Bauernhöfe in der Region gibt, die einen Abokisten-Lieferservice anbieten, war mir nach einer Google-Suche nicht bewusst. Fast eine Woche recherchierte und verglich ich. Wichtig war für mich und meinen Freund, dass das Gemüse in einer Isolierkiste geliefert wird, damit der Salat auch an heißen Sommertagen nicht schlapp macht. Schließlich entschieden wir uns für den Biohof Braun in Vaihingen. Ich hatte sympathische E-Mails auf meine hundert Fragen bekommen und Herr Braun führt einen Bio-Blog, den ich äußerst putzig finde. Wöchentlich schreibt er, was gesetzt wurde, was geerntet wurde und wie es Hühnern und Gurken geht. „Liebe Kunden“, schrieb er kürzlich. „Die Hitzewelle am Anfang dieser Woche hat unseren Pflanzen und noch viel mehr unserm Federvieh sehr zu schaffen gemacht. Die Stangenbohnen im Gewächshaus bekamen auf ihren Blättern richtige Brandflecken und die Tomaten reifen nun schneller ab als wir sie verkaufen können. Um die Hitze für unsere Tiere erträglich zu machen, haben wir unsere Maisfelder zu Weiden umfunktioniert. In den bis zu 3 Meter hohen Maisbeständen fühlen sie sich auch bei 35°C noch sichtlich wohl.“ Hach, Idylle pur. Da isst man das Hühnerfilet gleich lieber, wenn es zuvor im Maisfeld spazieren gehen durfte. Und ich bin live dabei, wenn mein Gemüse wächst.

Der Mindestbestellwert im Onlineshop vom Braun-Biohof beträgt 16 Euro. Wer mag, kann für 20 Euro Pfand sein Gemüse in einer Isolierkiste geliefert bekommen. Das Gemüse kommt vom eigenen Hof. Zugekauft wird wenig. Außerdem gibt es Geflügelfleisch aus der eigenen Hofmetzgerei, Eier von den spazierenden Hühnern, Brot aus einer nahen Biobäckerei, Käse und diverse Bionahrungsmittel. In einer Biokiste gibt es je nach Ernte auf dem Hof eine unterschiedliche Zusammenstellung der Kiste. So bekommen wir auch mal Gemüse, dass wir uns selbst nie kaufen würden: Mangold oder Buschbohnen zum Beispiel. Der Kunde ist König und darf auch unbeliebte Gemüsesorten (Blumenkohl, Mais) und Lieblingsgemüse ( „Immer Zucchini“, so mein Freund) angeben. Die Extrawünsche werden dann beim Befüllen der Kiste berücksichtigt. Die erste Bestellung war gar nicht so leicht: Wieviel Gemüse brauchen wir denn eigentlich? Wie lang hält es sich dann? Zum Testen bestellten wir eine mittelgroße Kiste für 13 Euro. Dem Biohof teilten wir außerdem mit, dass wir die Kiste gerne in den Kellerabgang gestellt haben möchten. Da ist es kühl und von der Straße nicht einsehbar. Um den Mindestbestellwert zu erreichen, klickten wir im Onlineshop noch ein Laib Dinkelgenetztes an - fertig. In ein paar Tagen soll schon unsere erste Lieferung kommen, teilte und eine Infomail mit.

Auf den Liefertag, einen Montag, warte ich wie auf Weihnachten. Als ich nach Hause komme, hatte leider eines schon mal nicht funktioniert: die Kiste stand direkt vor der Haustüre anstatt im Kellerabgang. Trotzdem: Noch nie habe ich so gerne Gemüse gesehen. Der Salat war erst kürzlich noch auf dem Feld, die Aubergine hat noch ein wenig Vaihinger Erde an sich und an Dill und Schnittlauch ist keine gelbe Stelle zu sehen. Der Hokkaido-Kürbis ist knallorange, die Tomaten ohne Dellen. So schön kann Gemüse sein, denke ich mir. Und das Beste: Ich weiß, wo es vor kurzem noch wuchs. Es ist durch wenige Hände gereicht worden und hat weniger Kilometer hinter sich, als ich je beim eigenen Einkaufen schaffen könnte. Gutes Gewissen ist eben doch käuflich.