Donnerstag, 16. September 2010

Was blüht denn da?

Kein Geburtstag, sondern einfach so, bekomme ich einen riesigen Blumenstrauß geschenkt wie ihn sonst nur Oscarpreisträger oder Opernsänger erhalten. Den transportiere ich per U-Bahn nach Hause. Ziemlich schwer liegt er in meinem Schoß. Wir werden neugierig von den anderen Fahrgästen beäugt. Anscheinend sind so viele Blumen in der Straßenbahn ein seltener Anblick.
Mein Strauß und ich bekommen an der Weinsteige Gegenübersitzer: ein wichteliger Herr und eine junge Frau. Sie starrt wie alle Fahrgäste meinen Strauß an. Das ist mir nicht neu. Ihre Augen werden immer größer, bis sie plötzlich in ihrem Rucksack zu wühlen beginnt. Mit geschäftiger Miene zieht sie ein Buch hervor, ein Pflanzenlexikon. Amüsiert über so einen großen Zufall beobachte ich, wie ihr Blick zwischen Buch und Strauß hin- und herfliegt. Da bekomme ich einmal einen Strauß und begegne dann jemandem, der ein Pflanzenbestimmungsbuch mit sich herumschleppt! Nicht nur eines. Die Frau scheint die gesuchte Blume in diesem Buch nicht zu finden, packt es wieder ein – und zieht ein weiteres hervor. Ich muss schmunzeln. Der alte Herr mir gegenüber scheint die Situation ebenso komisch zu finden. Wie Mary Poppins holt die Frau nun ein drittes Buch aus ihrem Rucksack hervor. Da steckt wohl ein seltenes Exemplar in meinem Strauß.
Ich muss an mein Herbarium in der fünften Klasse denken. Mit dem Lexikon „Was blüht denn da“ bin ich durch Wald und Wiesen gezogen um Löwenzahn, Spitzwegerich und Traubenhyazinthe zu finden, pressen und bestimmen. Seitdem habe ich es nicht mehr angerührt. Die Frau wird immer verzweifelter, sie fischt ein Buch nach dem nächsten heraus und schlägt jedes unbefriedigt zu. Mein Gegenüber und ich haben schon längst den Blick abwenden müssen – es zerreist mich innerlich fast vor Lachen.
Kurz vor der Haltestelle Schlossplatz halte ich dann nicht mehr aus und wende mich an sie: „Ich finde das gerade urkomisch!“. Der ältere Herr lacht erleichtert auf. „Haben Sie immer so eine Reisebibliothek dabei?“, fragt er. Die junge Frau, mittlerweile sicher beim sechsten Band angekommen, sieht ihn ernst an: „Eigentlich schon.“ Ich deute auf den Strauß. „Welche suchen Sie denn?“ „Die blaue, den Rittersporn.“ Die anderen Fahrgäste und ich verstehen nicht; sie hat doch schon die Lösung. Am Hauptbahnhof wird sie schließlich fündig. „Feldrittersporn“, sagt sie. Zufrieden klappt sie ihr siebtes Lexikon zu und steigt beschwingt aus.
Ich bleibe sitzen und grinse meinen Strauß an, am meisten den Feldrittersporn.

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