Donnerstag, 4. November 2010

Was ist gelb und kann nicht schwimmen?



Wie ihr seht: es geht voran. Leider. Die Arbeitszeiten der schlechtesten Bauarbeiter der Welt haben sich trotz Zeitumstellung nicht geändert: Kurz vor dem Morgengrauen gehen die Männer ans Werk, bevorzugt mit Flex (sie sind wohl nicht abgeschreckt) und Rüttelplatte. Letzteres habe ich erstmal googeln müssen. Dieses Gerät dient der Bodenverdichtung und ebnet diesen ein. Und das macht einen Höllenlärm, der Boden vibriert, mein Kaffee schwappt aus der Tasse.

Bei der Suche nach dem Scheißteil, dass einen morgens buchstäblich aus dem Bett wirft, bin ich auf dieses fette Ding gestoßen:

Nein, der geht nicht unter, das soll so sein. Hammer, oder? Ich bin der totale Fan von dem Amphibienbagger. Ein schwimmender Bagger!

Von wegen: Was ist gelb und kann nicht schwimmen? – Ein Bagger. – Und warum kann er nicht schwimmen? – Weil er nur einen Arm hat.

Pfff!


Freitag, 1. Oktober 2010

Baumwache



Die MG 21 hat heute einen offenbar einen vorübergehenden Baustopp eingelegt – oder es wird ein eines Bauunternehmen gesucht. Ich verpasse also keine Katastrophen und wage mich in die Stadt. Bei Volksfest und Demo ein gefährliches Unterfangen. In der Bahn riecht es wie in einer Kneipe und Männer mit leuchtenden Gesichtern prosten mir beim Einstieg in die Bahn zu. Ich ignoriere sie. Das geht bei einer geringen Menge peinlicher Menschen noch gut, aber wenn sie größer wird, ein paar tausend, dann wird es schwierig. Im Schlossgarten zum Beispiel geht das gar nicht. Ich staune nicht schlecht, als ich das S21-(D)Emogelände betrete. Es sieht aus wie am zweiten Tag eines Festivals. Ich beginne mich fast wohl zufühlen. Nur die platt getretenen Bierdosen fehlen. Ein Anthroposoph neben mir beginnt, unterstützt von einer Art fahrbaren Harfe mit Verstärker, traurige Lieder über Bäume zu singen.







Diese sind allesamt geschmückt: Behängt mit Laternen und Lampions, um ihre Stämme sind bunte Krawatten, Bänder, Stofftiere und Zettel gewickelt, an der Wurzel sind Grablichter aufgestellt. Als ob ein Kind (eher ein ganzer Kindergarten) hier ermordet worden wäre. Ich schlendere so gut es geht über das matschige Gras. Genau genommen ist das Gras nun totgetrampelt von den Demonstranten - nicht konsequent, wenn man Bäume retten will.
Kleine Grüppchen von hellgrünen Menschen starren auf die dunkelgrünen Polizisten, die ein paar Meter hinter der Absperrung stehen. Ich schnappe Gesprächsfetzen auf: „Stellen Sie sich mal vor, wenn der Tunnel zu eng ist!“ oder „Das fing doch schon bei König Karl an.“. Eine kleiner Junge mit Schulranzen zerrt am Pulli seines Vaters: „Ich will heim.". In kornkreisartigen Grablichterarrangements liegen laminierte Poster mit Appellen an Bürger und Politiker. Laminiert? Das passt hier nicht rein. Das ist sicher keine Laminierfolie aus nachwachsenden Rohstoffen. Die Leute von Robin Wood hängen noch in ihren Bäumen rum oder liegen in der Matschwiese auf Isomatten. Ihre Blicke sind leer, erschöpft, ratlos.
Immer mehr Menschen strömen auf das Gelände, ausgerüstet mit Coffee-to-go, Vollkornbrötchen und Campingstuhl. Der typische Waldorfschul-Lehrer mit Grobstrickpulli, aufgehübschte Mädels, bereit für den Demo-Flirt, Geschäftsleute im Anzug. Ich fühle mich beobachtet, da ich keinerlei Buttons oder Jutetaschen mit K21-Logo trage und keine Demo-Mimik habe: Finsterer, provokanter Blick mit leicht traurigem Einschlag.
Ich mache mich auf den Heimweg. Am Hauptbahnhof mischen sich Hippies mit Lederhosen. Die Heilbronner Straße Richtung Pragsattel ist verstopft, Polizeiwagen mischen sich unter den Feierabendverkehr. In die Gegenrichtung fährt der Schichtwechsel in einer Kolonne Richtung Stadt. Ich fühle mich aufgeregt, wie vor einem Feuerwerk, bei dem jederzeit in einer Menschenmenge eine Rakete explodieren könnte. Der Stadtpuls rast, Adrenalin fließt durch die Straßen, Stuttgart lebt.

Donnerstag, 30. September 2010

Bauwache


Während in der Stadt um Bäume Ringelreihen getanzt und mit Wasser rumgespritzt wird steht die MG 21 dem in Nichts nach: Die Jungs flexen schon den ganzen Mittag und in ihrem Eifer auch noch funktionierende Stromleitungen durch. Die Stichflamme und die aufsteigende Rauchwolke waren sehr beeindruckend, meine Terrarienlampen flackerten, der Flexer flog nach hinten und die Hauswand kokelte vor sich hin. Da standen sie dann erstmal ratlos herum um die Bescherung. Der sicher noch etwas zittrige Unglücksflexer telefonierte sofort. Die anderen sahen ertappt um sich. Ein Nachbar aus dem angekokelten Haus gab seinen Senf dazu. Die Straße abwärts war sicher ohne Strom, ich konnte noch zappen. Die wohl schlechtesten Bauarbeiter der Welt klopften hilflos mit ihren Hammern auf der Kokelstelle herum. Eine halbe Stunde später verabschiedete sich dann auch der Strom bei uns. Hatten die Idioten mit ihren Hammern noch mehr angerichtet? Meine Mitbewohnerin S. flucht. Sie wurde mitten im Telefonat unterbrochen. In Hausschlappen traben wir wie zwei alte Omas zum Tatort. S. sieht sehr böse aus, wenn sie kritisch guckt und der zittrige Flexer beendet auch sofort sein Telefonat. "Wann geht der Strom wieder", will ich wissen. "Stunde", grummelt der schlechteste Flexer der Welt. S. hakt nach: "Was ist denn passiert?" - "Die Leitung war wohl doch nicht tot." Ach nee.
Eine halbe Stunde später habe ich wieder Kontakt zur Außenwelt, Telefon, Fernseher und Internet. Gelernt zu haben scheinen die schlechtesten Bauarbeiter der Welt wohl nicht: jetzt bearbeiten sie die Kokelstelle mit einem Presslufthammer. Ich bleibe wachsam.

Donnerstag, 16. September 2010

MG 21: Montag bis Freitag von 7.00 - 17.00


Meine Großbaustelle 21

Pro:
- mehr Sonne für die Kröten
- mehr Sonne im Garten
- bisschen Action und Nervenkitzel vor der Haustür
- der Wassersprüher mit Migrationshintergrund hat meinen Garten gefegt.


Contra:

- Laut
- ich kann kein gammliges Studentenleben mit Ausschlafen bis um 11 führen
- Der Flieder, der Kompost und der Zaun haben leichte Verletzungen davon getragen
- Staub, überall Staub: auf Löwenzahn und Klee besonders blöd wegen den Kröten
- weniger Parkplätze
- keine feschen Bauarbeiter
- glotzende Bauarbeiter

Was blüht denn da?

Kein Geburtstag, sondern einfach so, bekomme ich einen riesigen Blumenstrauß geschenkt wie ihn sonst nur Oscarpreisträger oder Opernsänger erhalten. Den transportiere ich per U-Bahn nach Hause. Ziemlich schwer liegt er in meinem Schoß. Wir werden neugierig von den anderen Fahrgästen beäugt. Anscheinend sind so viele Blumen in der Straßenbahn ein seltener Anblick.
Mein Strauß und ich bekommen an der Weinsteige Gegenübersitzer: ein wichteliger Herr und eine junge Frau. Sie starrt wie alle Fahrgäste meinen Strauß an. Das ist mir nicht neu. Ihre Augen werden immer größer, bis sie plötzlich in ihrem Rucksack zu wühlen beginnt. Mit geschäftiger Miene zieht sie ein Buch hervor, ein Pflanzenlexikon. Amüsiert über so einen großen Zufall beobachte ich, wie ihr Blick zwischen Buch und Strauß hin- und herfliegt. Da bekomme ich einmal einen Strauß und begegne dann jemandem, der ein Pflanzenbestimmungsbuch mit sich herumschleppt! Nicht nur eines. Die Frau scheint die gesuchte Blume in diesem Buch nicht zu finden, packt es wieder ein – und zieht ein weiteres hervor. Ich muss schmunzeln. Der alte Herr mir gegenüber scheint die Situation ebenso komisch zu finden. Wie Mary Poppins holt die Frau nun ein drittes Buch aus ihrem Rucksack hervor. Da steckt wohl ein seltenes Exemplar in meinem Strauß.
Ich muss an mein Herbarium in der fünften Klasse denken. Mit dem Lexikon „Was blüht denn da“ bin ich durch Wald und Wiesen gezogen um Löwenzahn, Spitzwegerich und Traubenhyazinthe zu finden, pressen und bestimmen. Seitdem habe ich es nicht mehr angerührt. Die Frau wird immer verzweifelter, sie fischt ein Buch nach dem nächsten heraus und schlägt jedes unbefriedigt zu. Mein Gegenüber und ich haben schon längst den Blick abwenden müssen – es zerreist mich innerlich fast vor Lachen.
Kurz vor der Haltestelle Schlossplatz halte ich dann nicht mehr aus und wende mich an sie: „Ich finde das gerade urkomisch!“. Der ältere Herr lacht erleichtert auf. „Haben Sie immer so eine Reisebibliothek dabei?“, fragt er. Die junge Frau, mittlerweile sicher beim sechsten Band angekommen, sieht ihn ernst an: „Eigentlich schon.“ Ich deute auf den Strauß. „Welche suchen Sie denn?“ „Die blaue, den Rittersporn.“ Die anderen Fahrgäste und ich verstehen nicht; sie hat doch schon die Lösung. Am Hauptbahnhof wird sie schließlich fündig. „Feldrittersporn“, sagt sie. Zufrieden klappt sie ihr siebtes Lexikon zu und steigt beschwingt aus.
Ich bleibe sitzen und grinse meinen Strauß an, am meisten den Feldrittersporn.